Projekt

Im Gegensatz zur theoretischen Debatte im Ausgang von Kants Kritik der reinen Vernunft hat die praktische Debatte in der Forschung bislang nur wenig Beachtung gefunden. Dabei hat sich gerade durch Modifikation und Transformation der praktischen Philosophie Kants das Denken zahlreicher Philosophen der klassischen deutschen Philosophie herausgebildet. Das geplante Forschungsnetzwerk will die sich im Ausgang von Kants moralphilosophischen Grundlegungsschriften entwickelnde praktische Debatte historisch-systematisch rekonstruieren. Dabei soll herausgearbeitet werden, wie bislang nur wenig bekannte Denker wie Johann Friedrich Flatt, Karl Heinrich Heydenreich, Ludwig Heinrich Jakob, Hermann Andreas Pistorius, August Wilhelm Rehberg, Carl Christian Erhard Schmid, Christian Wilhelm Snell und Johann August Heinrich Ulrich, aber auch bekanntere Denker wie Friedrich Heinrich Jacobi, Salomon Maimon, Karl Leonhard Reinhold, Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Schiller sowie der frühe Hegel und Schelling in Auseinandersetzung mit Kant ihre jeweiligen systematischen Beiträge zu praktischen Fragestellungen und Problemen geleistet haben.

Das Netzwerk fokussiert auf folgende drei Problemkomplexe:

1. Freiheit und Determinismus

Im Ausgang von Kants moralphilosophischen Grundlagenschriften hat sich eine intensive Debatte darüber entsponnen, wie die Freiheit des Willens angesichts der vollständigen Determination der Welt durch die Naturgesetze gedacht werden muss, damit die individuelle moralische Zurechenbarkeit des Akteurs gewahrt werden kann. Positionen wie „Determinismus“ und „Indeterminismus“ wurden im Rahmen dieser bislang nur wenig bekannten Debatte zum ersten Mal in der Geschichte der Philosophie systematisch geprägt, begründet und diskursiv verteidigt. Das Ziel des Netzwerkes ist es, zentrale Stationen dieser nachkantischen Freiheitsdebatte als einen systematischen Gedankengang zu rekonstruieren und mit der gegenwärtigen Freiheitsdebatte in Bezug zu setzen. Weniger bekannte Denker wie Schmid, Ulrich, Abicht, Heydenreich, aber auch bekanntere Philosophen wie Jacobi, Reinhold, Fichte, Schiller und Schelling spielen hier eine zentrale Rolle. Dabei soll auch die skeptische Debatte über die Freiheit des Willens bei Creuzer und Maimon in der Auseinandersetzung mit Fichte und Reinhold nicht aus dem Blick gelassen werden.

2. Moralbegründung und moralische Motivation

Die für Kants Moralphilosophie grundlegende Unterscheidung von principium diiudicationis und principium executionis hat in der Folge für zahlreiche Kritik Anlass gegeben. Das Denken der nachkantischen Philosophen kreist zum einen um die Frage, ob und wie Moral aus reiner Vernunft erkannt und begründet werden kann. Zum anderen interessiert die Frage, welche moralische Triebfeder der menschlichen Verfassung eigentlich angemessen ist. Insbesondere stand die Frage im Raum, ob das moralische Gefühl der Achtung, welches Kant favorisierte, oder nicht doch eher das Gefühl des Mitleids oder der Liebe die adäquaten Triebfedern sind. Denker wie der junge Hegel, aber auch Fichte, Schiller, Rehberg und Flatt sind an dieser Debatte beteiligt.

3. Politische Philosophie und Rechtsphilosophie

Während sich die Debatte um Willensfreiheit und Moralbegründung primär auf die Struktur des individuellen Subjekts konzentriert, wird in der politischen Debatte im Ausgang von Kant der intersubjektiv geordnete Kontext thematisch, in welchem die willensfreien Akteure nach moralischen und juridischen Gesetzen in Staat und Gesellschaft interagieren. Hierbei interessiert vor allem die zeitgenössische Rezeption von Kants Schrift Zum ewigen Frieden (1795), aber auch die unmittelbare Wirkungsgeschichte von Kants Metaphysik der Sitten (1797). Denker wie Hegel, Fichte und Schiller, aber auch weniger bekannte Schüler Kants wie Friedrich Gentz haben dazu systematische Beiträge geliefert.

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